Geldanlage und Altersvorsorge bei Minizinsen

Warum sind die Zinsen so tief gefallen? Warum bleiben sie seit Jahren niedrig? Und welche Auswirkung hat dies auf die Geldanlage und die Altersvorsorge? Antworten gibt Tim Eweler, Niederlassungsleiter Privatkunden in Werther.

Herr Eweler, warum sind die Zinsen derzeit so niedrig?

Tim Eweler: Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt eine jährliche Teuerungsrate von rund zwei Prozent an. Denn leicht steigende Preise sind nach Meinung der EZB am gesündesten für die gesamte Volkswirtschaft, denn dann würden Wirtschaft und Konsum rundlaufen. Doch lange Zeit lag die Inflation fast bei Null. Die EZB fürchtete, dass eine Deflation mit sinkenden Preisen entsteht. Was sich für den Einzelnen vielleicht gut anhört, wäre für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung jedoch Gift. Denn jeder würde darauf warten, dass die Güter noch billiger werden, und seine Anschaffungen verschieben. Dies ließe die Gewinne der Unternehmen schrumpfen und die Arbeitslosigkeit steigen. Damit es dazu nicht kommt, hat die EZB seit Jahren die Leitzinsen gesenkt.

Was erhofft sich die EZB von niedrigen Leitzinsen?

Tim Eweler: Durch einen niedrigen Leitzins können sich Banken und Unternehmen zu günstigen Konditionen Geld leihen. Dies soll Wirtschaft und Investitionen ankurbeln, die Währung des Euro stärken und den Euro-Raum zusammenhalten. Zugleich bewahren das niedrige Zinsniveau und der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB hoch verschuldete Euro-Länder vor dem Bankrott.  Doch bislang blieb der Erfolg dieser Geldpolitik aus. Es mehrten sich daher kritische Stimmen. Die EZB kaufe nur Zeit und verhindere dringend nötige Reformen hoch verschuldeter Staaten. Das „billige Geld“ führe zu Verwerfungen auf dem Kapitalmarkt und zu Fehlinvestitionen in der Wirtschaft.

Die Inflation ist doch nun zu Jahresbeginn gestiegen. Rechnen Sie jetzt auch mit steigenden Zinsen für Sparer?

Tim Eweler: Die Zeit der Niedrigzinsen wird nach meiner Einschätzung noch weiter andauern. Zwar hat die Inflation im Euroraum im Dezember 2016 deutlich angezogen. Die Verbraucherpreise lagen 1,7 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Doch dieser Preisanstieg hängt vor allem mit den höheren Energiekosten zusammen. Seitdem sich Anfang Dezember 20 Staaten verpflichtet haben, die Erdölproduktion zu drosseln, ist der Preis für Rohöl merklich gestiegen. Solange die Preise nicht auf breiter Basis steigen, rechne ich nicht mit einer restriktiveren Geldpolitik. Für 2017 gehe ich deshalb – wenn überhaupt – nur von einer moderaten Zinssteigerung für die Sparer aus.

Welche Vorteile bringt das historische Zinstief dem Verbraucher?

Tim Eweler: Die jetzige Situation hat für Verbraucher auch gute Seiten. So sind derzeit Darlehen so günstig wie noch nie. Anschaffungen wie ein Auto, Möbel oder ein größerer Urlaub sind so leichter zu finanzieren. Für viele Verbraucher lassen die niedrigen Kreditzinsen sogar den Erwerb einer Immobilie in erreichbare Nähe rücken.

Und welche Nachteile sehen Sie bei der Zinsentwicklung?

Tim Eweler: Leider sind auch die Zinsen auf Guthaben im Keller. In den 1970er-Jahren gab es zwar auf Guthaben bis zu acht Prozent Zinsen, doch damals erreichte auch die Inflation Höhen von bis zu sieben Prozent. Unterm Strich blieb so auch damals nur ein Plus von einem Prozent für den Anleger. Ein Prozent Rendite ist auch heute noch drin. Die einzige Voraussetzung für den Vermögensaufbau und die Altersvorsorge ist, dass überhaupt gespart wird.

Wie lässt sich heute trotzdem noch „sicher“ sparen?

Tim Eweler: Jeder kennt die Warnung: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“ Übertragen auf die Geldanlage, heißt das, dass man sein Geld am besten über mehrere Anlageklassen hinweg verteilt. Grob lassen sich vier Anlageklassen unterscheiden: ständig verfügbare, so genannte liquide Geldanlagen, Geldwerte wie festverzinsliche Anlagen, Substanzwerte wie Aktien und Sachwerte wie Immobilien. Die Mischung macht den Unterschied. Denn die Streuung von Risiken verringert das Gesamtrisiko. Deshalb ist es sicherer, Vermögen auf Bankguthaben, Versicherungsanlagen und Wertpapiere zu verteilen, als nur auf eine Anlageklasse zu setzen.

Und wie soll ein Anleger mit wenig Geld solch eine Risikostreuung erreichen?

Tim Eweler: Von diesem Prinzip der Risikostreuung können nicht nur Großvermögen profitieren, sondern auch Anleger mit kleinem Vermögen. Dazu eignen sich beispielsweise Investmentfonds. Fonds legen das von Anlegern eingesammelte Geld nach vorab festgelegten Kriterien an. Bei Rentenfonds fließt das Vermögen in viele verschiedene Anleihen, bei Aktienfonds in Aktien. Diese Verteilung senkt wiederum das Risiko von Verlusten. Mit Fondssparplänen kann man schon ab 25 Euro pro Monat Geld ansparen.

Und was ist mit der Altersvorsorge? Lohnt es sich bei den derzeitigen Mini-Zinsen überhaupt, fürs Alter zu sparen?

Tim Eweler: Durch die niedrigen Zinsen verringert sich der Zinseszins-Effekt, der dafür sorgt, dass die erwirtschafteten und wieder investierten Erträge zusätzlich Rendite bringen. Die Erträge vieler Anlagen, die zur Altersvorsorge genutzt werden, wie Lebens- und Rentenversicherungen, leiden natürlich unter der Niedrigzinsphase. Da man als Sparer an der Zinssituation wenig ändern kann, bleiben zwei Stellschrauben: Zum einen sollte man möglichst früh mit dem Ansparen beginnen und zum anderen mehr in die Altersvorsorge investieren.

Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Tim Eweler: Gerne. Wer monatlich 50 Euro zurücklegt, erzielt bei einem „normalen“ Zinssatz von drei Prozent nach 30 Jahren ein beachtliches Vermögen von 29.000 Euro. Ohne Verzinsung bleiben dem Sparer hingegen nur 18.000 Euro. Oder anders ausgedrückt: Um das gleiche Vorsorgeziel von 29.000 Euro zu erreichen, müssen ohne Verzinsung über den gesamten Anlagezeitraum 30 Euro pro Sparrate zusätzlich gespart werden. Außerdem vergessen viele die staatliche Förderung. Betriebliche Altersvorsorge und Riester-Vertrag lohnen sich trotz Minizinsen.

Welchen Rat geben Sie Ihren Kunden?

Tim Eweler: Strategien zur Geldanlage und Altersvorsorge lassen sich nur individuell entwickeln. Lassen Sie sich deshalb am besten persönlich beraten. Bei der genossenschaftlichen Beratung erarbeiten wir Lösungsvorschläge, um den Zielen und Wünschen des Kunden näherzukommen. So steht bei der Geldanlage die Frage nach der optimalen Vermögensstruktur im Mittelpunkt. Im Bereich der Vorsorge werden die bestehenden Vorsorge-Bausteine analysiert und überprüft, welche Maßnahmen nötig sind, um den gewünschten Lebensstandard im Alter zu sichern.